Wie können Zähne bewegt werden?


Eine erfolgreiche kieferorthopädische Behandlung ist nur möglich, weil die Zähne auf eine einwirkende Kraft reagieren.

Um zu verstehen wie Zähne mittels kieferorthopädischer Geräte bewegt werden können, schauen wir uns einmal den Zahn in seinem Kieferknochen an:
Zähne sind nicht fest im Kieferknochen verwachsen. Um den Kaudruck aufzufangen, sind sie an speziellen Kollagenfasern, den sog. "Sharpey-Fasern" beweglich aufgehängt. Auf diese Weise können Belastungen aufgefangen werden, die sonst den Kieferknochen schädigen können. Winzige Blutgefäße versorgen den Zahnhalteapparat mit Blut.

 

Zahn in Alveole
Was passiert nun, wenn eine Kraft lange Zeit auf den Zahn einwirkt, wie es bei Zahnspangen der Fall ist?
Normalerweise sind die Sharpey-Fasern immer ein wenig gespannt. Durch den kieferorthopädischen Druck wird der Zahn in seinem Knochenfach ("Alveole") ausgelenkt. Auf der
Seite, von der der Druck kommt werden die Fasern gespannt, sie ziehen am Knochen. Auf der anderen Seite werden die Fasern zusammengedrückt.
Es entstehen also Druck- und Zugzonen. 

 

Es entstehen Druck- und Zugzonen
Auf der Seite des ausgeübten Druckes reagiert der Kiefer mit Resorption (=Auflösung) des Knochens; die Einengung des Spaltraumes ein Reiz zum Knochenabbau, weil der Zahnhalteapparat den engen Spalt wieder erweitern möchte. Auf der Zugseite werden die Fasern in die Länge gezogen; das regt spezielle Zellen zur Knochenneubildung an, um den erweiterten Spaltraum auszufüllen. Auf diese Weise kann der Zahn in fast jede gewünschte Richtung bewegt werden. Wichtig ist nicht die Stärke der Kraft, sondern die Dauer.
Stärkere Kräfte beschleunigen die Behandlung nicht; im Gegenteil: Zu starke Kräfte hemmen den Knochenabbau und können die Zahnwurzel schädigen. Es kommt daher auf die Dauer der Krafteinwirkung an. Während dies bei festsitzenden Apparaturen keine Rolle spielt - sie wirken 24 Stunden/Tag -, ist bei herausnehmbaren Zahnklammern die Mitarbeit entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg der Behandlung. Aus diesem Grund sollten gerade herausnehmbare Spangen streng nach Anweisungen des Kieferorthopäden getragen werden. In der Regel wird eine Tragedauer von 14 - 18 Stunden angeordnet. Das Tragen herausnehmbarer Geräte über Nacht reicht also nicht aus!
Der Alveolarknochen reagiert mit Knochenumbau


Welche Zahnbewegungen sind denn prinzipiell möglich?
Theoretisch können Zähne in allen Richtungen bewegt und kontrolliert werden. In der Praxis muß man einige Details beachten; wir kommen dazu bei den einzelnen Erklärungen. Die folgende Tabelle erlaubt einen groben Überblick über die möglichen Zahnbewegungen:

Die kippende Zahnbewegung
Diese Art der Zahnbewegung ist schon mit einfachen Mittel möglich, meist genügt die Einwirkung von Kräften auf die Zahnkrone, z.B. durch einen Labialbogen. Bei einer kontrollierten Kippbewegung ändert sich die Position der Zahnwurzel nur wenig, während die Zahnkrone in die gewünschte Richtung ausgelenkt wird. Hierbei ist keine kontrollierte Gegenkraft nötig. Können falschstehende Zähne durch Kippen in die richtige Stellung gebracht werden, wird in der Regel mit herausnehmbaren Zahnklammern behandelt.  Ein Beispiel hierfür wäre z.B. durch Lutschen hervorgerufene Kippung der Frontzähne nach vorne. 
Selbstverständlich kann diese Bewegung jedoch auch mit festsitzenden Apparaturen behoben werden, dann aber meist in Verbindung mit anderen, kritischeren Korrekturen.
Die kippende Zahnbewegung
Körperliche Zahnbewegung
Merkmal dieser Art von Zahnbewegung ist die parallele Bewegung von Zahnkrone und Wurzel. Mit Hilfe der körperlichen Zahnbewegung können z.B. Zahnlücken nach Extraktionen geschlossen werden. Man benötigt hierfür neben der Kraft an der Zahnkrone eine Ausgleichskraft, die dafür sorgt, daß die Wurzel sich in der gleichen Richtung bewegt. Fehlt diese Kraft, wäre die Bewegung wieder eine reine Kippbewegung. Diese Ausgleichende Kraft kann nur mit Hilfe von Brackets unter Verwendung von rechteckigen Drähten, den sog. "Vierkantbögen" erreicht werden. Durch den festen Sitz des Bogens in dem Bracket kann der Zahn am Bogen entlanggeführt werden, eine Kippung wird so verhindert.
Die körperliche Zahnbewegung
Torque
Eine völlig andere Art der Kippbewegung ist die Wurzelbewegung oder "Torque". Während die Zahnkrone in der Ausgangsstellung bleibt, wird die Wurzel gekippt. Diese Bewegung kann nur mit festsitzenden Apparaturen in einem Vierkantbogen erreicht werden. Um Torque zu erreichen wird der Vierkantbogen in sich verdreht und unter Spannung in das Bracket eingesetzt. Das Bracket gibt diese drehende Kraft auf den Zahn weiter, wobei der Zahn durch den Draht auf der Stelle gehalten wird. 
Diese Art der Bewegung wird z.B. zum Aufrichten von unteren Schneidezähnen gebraucht. Wichtig ist für den Kieferorthopäden, daß er die Kraftgröße richtig einschätzen kann, damit er Schäden an den Wurzeln durch Resorption verhindert.
Die Torquebewegung
Ex- und Intrusion
Diese Art der Zahnbewegung ermöglicht die Korrektur von vertikalen Fehlstellungen. Sie ist wiederum nur mit Hilfe von festsitzenden Geräten möglich. Durch spezielle Biegungen im Drahtbogen können Zähne aktiv "verkürzt" (=intrudiert) oder "verlängert" (=extrudiert) werden. Die Zahnbewegung muß sehr vorsichtig und mit wenig Druck durchgeführt werden, damit der Zahnhalteapparat nicht überlastet wird. 
Ex- oder Intrusionen werden zumeist zu Beginn der MB-Behandlung mit Hilfe sehr dünner, elastischer Drahtbögen durchgeführt. 
Strenggenommen werden bei jeder MB-Behandlung vertikale Korrekturen vorgenommen, da sich am Ende der Behandlung alle Brackets auf gleicher Höhe befinden müssen. Diese vertikale Korektur zur Ausbildung eines harmonischen Zahnbogens nennt man "Nivellieren".
Ex- und Intrusionen von Zähnen
Die Rotationsbewegung
Die Regulierung von gedrehten Zähnen ist die letzte von uns betrachtete Zahnbewegung. Rotierte Zähne nehmen im Seitenzahnbereich mehr Platz ein als korrekt stehende Zähne, außerdem wirken gedrehte Zähne gerade im Frontzahnbereich ästhetisch störend. Der Kieferorthopäde wird deshalb schon früh mit der Derotation der betroffenen Zähne beginnen. Während nur gering rotierte Frontzähne auch mittels herausnehmbarer Geräte korrigiert werden können, sind hochgradige Rotationen und Drehstände im Seitenzahnbereich nur mit Hilfe festsitzender Apparaturen zu regulieren, da das geklebte Bracket dem Drahtbogen eine bessere Angriffsfläche bietet. Stark rotierte Seitenzähne müssen manchmal noch mit Metallbändern versehen werdenm; so kann die Kraft zusätzlich über Gummizüge von der Gegenseite auf den Zahn gebracht werden.
Rotation von Zähnen

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