Wie entstehen Fehlstellungen?

Heutzutage müssen rund 60% aller Kinder und Jugendlichen kieferorthopädisch behandelt werden. Zwangsläufig stellt sich hier die Frage nach dem "Warum..?".

Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass sich Kiefer und Zähne  nicht so entwickeln, wie wir es gerne hätten. Um diese Gründe zu verstehen, teilen wir die Ursachen zunächst einmal in zwei Gruppen auf:

1.    Angeborene Fehlentwicklungen

2.    Erworbene Fehlentwicklungen

Nur ca. die Hälfte aller Zahnfehlstellungen sind angeboren, der Rest entsteht durch störende Angewohnheiten, die sogenannten Habits. Das heißt auf der anderen Seite:

50% aller kieferorthopädischen Behandlungen könnten überflüssig sein, wenn entsprechende Habits früh genug beseitigt würden!

Wollen wir nun die einzelnen Gruppen einmal näher betrachten:

1. Angeborene Fehlentwicklungen

Angeborene Dysgnathien können verschiedenste Ursachen haben. Wir wollen ein paar Beispiele im Folgenden kurz erläutern:

Missverhältnis zwischen Zahn- und Kiefergröße
Hat man die Zahnform und -breite vom einen, die Kiefergröße vom anderen Elternteil geerbt, stehen die Chancen nicht schlecht, daß beides nicht zusammenpasst.

Der häufigste Fall sind hier überbreite Zähne bei normaler Kiefergröße. Obwohl der Zahnbogen sich harmonisch in das Gesicht einfügt, erscheinen die Zähne einfach zu groß. Das fällt bereits kurz nach Beginn des Zahnwechsels auf, wenn die mittleren Schneidezähne übermäßig viel Platz im Kiefer einnehmen (netter Ausdruck hierfür: "Hasenzähne"). Im späteren Verlauf des Zahnwechsels brechen die Eckzähne infolge Platzmangels häufig auf der Wangenseite durch, im Frontzahnbereich kann ein richtiges Durcheinander herrschen.
Bei dieser Art der Fehlstellung müssen manchmal bleibende Zähne gezogen werden, um die Funktion des Kauorgans sicherzustellen. In der Regel werden vier Prämolaren entfernt und die entstandenen Lücken für die harmonische Ausformung der Zahnbögen genutzt.

Die andere Möglichkeit sind zierliche Zähne bei großem Kiefer. 
Hier ist im umgekehrten Fall zu viel Platz vorhanden, die Zähne stehen lückig zueinander.
Der Platzüberschuss ist manchmal so groß, dass die Lücken zwischen den Zähnen kieferorthoopädisch nicht geschlossen werden können. Wenn nach Abschluss der kieferorthopädischen Behandlung noch Restlücken bestehen, kann der Zahnarzt die betreffenden Zähne mit Kunststoff aufbauen und so ein ästhetisches Ergebnis erzielen.
Platzüberschuss alleine ist keine Indikation für eine KFO-Behandlung. Nur wenn gleichzeitig Störungen der Kaufunktion vorliegen ist eine kieferorthopädische Behandlung sinnvoll.

Zahnunterzahl
Die angeborene Zahnunterzahl ist ebenfalls eine genetische Fehlentwicklung. Während die Weisheitszähne häufiger nicht angelegt sind (ca. 30%), kommen Nichtanlagen gerade auch bei seitlichen Schneidezähnen und den zweiten Prämolaren ("5ern") vor. Fehlen zum Beispiel beide seitlichen Schneidezähne im Oberkiefer, kann man die Lücken entweder Prothetisch, d.h. mittels Brücken oder Implantaten versorgen, oder mit Hilfe kieferorthopädischer Geräte schließen. Wird letzteres in Erwägung gezogen, ist die Behandlung meistens mit festsitzenden Geräten erforderlich.

Zahnüberzahl
Auch das kommt vor. Überflüssige Zahnanlagen betreffen häufig den Frontzahnbereich im Oberkiefer. Hier entstehen vollständige Zähne - oder häufiger - verkümmerte Zahngebilde, die den Platz im Kiefer für die Zähen einschränken, welche da eigentlich hingehören. Manchmal verbleiben diese Zahnanlagen in abwegiger Lage im Knochen und können dort die Wurzeln der Frontzähne schädigen. Da diese überzähligen Zähne im seltensten Fall nützlich sind, müssen sie in der Regel entfernt werden. Ist solch ein Hindernis erst einmal aus der Welt, kommt der Patient manchmal um eine KFO-Behandlung herum, weil sich die Zähne von selbst wieder einstellen können - vorausgesetzt, es bestehen nicht andersartige Dysgnathien
Wird hingegen eine überzählige Zahnanlage erst spät entdeckt, können die "normalen" Zähne so in Ihrer Durchbruchsrichtung gestört werden, daß man nicht um eine kieferorthopädische Behandlung herumkommt.

Progenie
Die Progenie gehört zu den erblich bedingten Fehlentwicklungen. Dadurch, daß der Unterkiefer sich relativ zum Oberkiefer zu stark entwickelt, kommt es zum Vorstand des Unterkiefers. Die hierdurch bedingten Folgen sind sehr vielfältig, neben der ästhetischen Beeinträchtigung kommt es durch verkehrten Überbiss der Frontzähne zu Problemen beim Abbeißen und Kauen. Auch eine Überbelastung einzelner Zähne und des Kiefergelenks kommen häufig vor. Aus diesem Grund muß eine Progenie praktisch immer kieferorthopädisch Behandelt werden.

2. Erworbene Fehlentwicklungen

Zu dieser Klasse gehören Dysgnathien, welche durch Angewohnheiten des Patienten ausgelöst werden. Diese Habits können zu vielfältigen Krankheitsbildern führen. Hier zwei Beispiele:

Frontal offener Biss
Von einem offenen Biss spricht man, wenn beim Zusammenbiss zwischen den Frontzähnen des Ober- und Unterkiefers eine Lücke klafft. Ursache ist häufig der Gebrauch von Schnullern über das 3. Lebensjahr hinaus oder Daumenlutschen. 
Wird die schädliche Gewohnheit früh genug abgestellt, kann oft auf eine KFO-Behandlung verzichtet werden. Wird die Ursache - also das Habit - jedoch nicht beseitigt, kommt es mit der Zeit durch den offenen Biss unter anderem zu Sprachstörungen und Schwierigkeiten beim Kauen.

Oberer Schmalkiefer
Ursache hierfür ist z.B. Mundatmung. Durch den Mund atmet man, wenn die Nase verstopft ist. Diese Form der Mundatmung ist also notwenig. Ein Patient mit chronisch verstopfter Nase wird manchmal über Jahre hinweg nur durch den Mund atmen, vor allem nachts. Die Folgen: Durch die Mundatmung werden nicht nur Austrocknung und Entzündung der Mundschleimhäute verursacht. Dadurch, daß der Mund ständig geöffnet ist, lagert sich die Zunge nicht hinter die oberen Schneidezähne, sondern bleibt im Unterkiefer. Hierdurch fehlt im Oberkiefer der wachstumsfördernde Reiz. Außerdem sorgt die angespannte Wangenmuskulatur für einen ständigen zusätzlichen wachstumshemmenden Reiz auf den Oberkiefer. Durch diese Faktoren bleibt der Oberkiefer in der Entwicklung zurück.
Zu einer vollständigen kieferorthopädischen Untersuchung gehört deshalb auch eine Prüfung der Nasendurchlässigkeit. Gegebenenfalls muß der Patient vor einer KFO-Behandlung bei einem Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten vorsprechen, damit die Ursache für diese Fehlentwicklung beseitigt werden kann.
Wird trotz freier Nase durch den Mund geatmet spricht man von einer "habituellen Mundatmung". Sie kann durch verschiedene herausnehmbare Apparaturen abgewöhnt werden.

Trotz einer kieferorthopädischen Behandlung in der Kinder- und Jugendzeit kommen viele erwachsene Patienten erneut in die kieferorthopädische Sprechstunde, weil sich ihre Zähne wieder verstellt haben.

Dieser Fall ist leider gar nicht so selten. Ist man mit einer KFO-Behandlung am Ziel angekommen, muß der Behandler dafür sorgen, daß das erreichte Ergebnis stabil bleibt. Hierfür ist es dringend notwendig, daß der Patient noch längere Zeit nach Abschluss sog. Retentionsgeräte trägt. 
Retentionsgeräte können Schienen, herausnehmbare Zahnklammern oder auch festgeklebte Retainer sein. Durch die Retentionsgeräte "entwöhnt" man die Zähne von den kieferorthopädischen Geräte und stabilisiert die Zahnstellung dauerhaft.
Leider wurde diese "Retentionszeit" früher häufig zu kurz gehalten, in vielen Fällen ist gar keine Retention erfolgt. So bewegten sich viele Zähne mit der Zeit wieder in die alte Stellung zurück, die vorherige Behandlung war umsonst.
Viele Patienten müssen nach Jahren erneut kieferorthopädisch Behandelt werden; meistens ist die Behandlung langwierig und muß von der betroffenen Person selbst gezahlt werden. 
Zur Zeit sind 20% aller KFO-Patienten in Deutschland Erwachsene. Ein großer Teil war bereits im Kindesalter in kieferorthopädischer Behandlung. Da das Problem der zu kurzen Retentionszeit mittlerweile bekannt ist, kann man jedoch auf einen Rückgang dieser Entwicklung hoffen.

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