"Kieferorthopädie im ganzheitlichen Sinne ist eine Form
der Entwicklungshilfe für den menschlichen Organismus".
So beschrieb Prof. Dr. Wilhelm BALTERS seine Vorstellung von der
Kieferorthopädie. Diesen Ansatz verfolgte er bis zu seinem
Tod (1973) so konsequent und logisch weiter, dass sich seine Bionatortherapie
auch in der "modernen Kieferorthopädie" ihren Platz
gesichert hat.
Laut BALTERS unterliegt die menschliche
Gestalt verschiedenen biologischen Kraftfeldern und einer "kosmischen
Ordnung". Diese - dem geneigten Schulmediziner zunächst
obskur anmutende - These besagt, dass bei Störungen der Gesundheit
des Menschen ein gestörtes Gleichgewicht der drei (vier)
Kräfte der Dynamik zugrunde liegt. Diese Kräfte sind:
als universelles Transport-
und Nährmedium, welches in kleinste Kapillaren pulsiert
und für das Leben des Organismus verantwortlich ist.
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als Entgiftungs- und Kommunikationsmedium.
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| als Regulator für den
Flüssigkeitshaushalt, Nährstoffvermittler, Abwehrsperre,
sowie Schutz- und Stützgewebe für sämtliche
Organe und Blutgefäße. |
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Eine Störung des Zusammenspiels
dieser drei Kräfte kann zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen
in jeglichem Ausmaß führen.
Als vierter (Co-)Faktor kommt hinzu:
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| Atem begleitet die Bewegung
der Gewebe, die bewegte Stofflichkeit von Blut und Lymphe
und sorgt durch die Strömungsdynamik der Luft unter Anderem
für die Ausbildung des Nasen-Rachen-Raumes und der Nebenhöhlen. |
Damit die vier Kräfte der Dynamik
im Gleichgewicht bleiben, ist - laut BALTERS - eine richtige Kopf-
und Wirbelsäulenhaltung unerlässlich. Haltungsfehler
können so zu einer Schädigung und Beeinträchtigung
des gesamten Organismus führen. Hier zeigt sich der ganzheitliche
Ansatz seines Konzeptes: BALTERS ist der Meinung, dass eine falsche
Lage des Unterkiefers, Okklusionsstörungen oder eine Funktionsstörung
der oralen Weichgewebestrukturen Auswirkungen auf den gesamten
Halteapparat hat. Demnach kann zum Beispiel eine Rücklage
des Unterkiefers zu orthopädischen Beschwerden wie Kiefergelenkschmerzen,
Verspannungen der Nackenmuskulatur bis hin zu Kyphosen oder Lordosen
führen. Ein einseitiger Kreuzbiss kann analog hierzu zu Skoliosen
der Wirbelsäule und zu Fehlhaltungen der Beine bis hin zu
messbaren Beinlängendifferenzen führen. Auch soll ein
Ungleichgewicht im Mundraum über die Wirbelsäule die
Lage der inneren Organe verändern, wodurch es zu Fehlfunktionen
zum Beispiel des Gastro-Intestinaltraktes kommen kann.
Der zweite Ansatz der ganzheitlichen
Kieferorthopädie ist die Integration der Psyche des Patienten
in die Behandlung. Laut BALTERS gibt es die "Innenwelt"
des Menschen, die mit der "Außenwelt" über
die Sinnesorgane kommuniziert. Störungen der Kommunikation
zwischen Innen- und Außenwelt können demzufolge organische
Störungen - wie auch Zahn- und Kieferfehlstellungen - verursachen.
BALTERS beobachtete, dass auftretende Dysgnathien oft auch psychische
Ursachen haben können, nähere Ausführungen würden
allerdings hier den Rahmen sprengen.
Was liegt also näher, als psychologische Analysen in die
Befunderhebung miteinzubeziehen? BALTERS integrierte psychotherapeutische
Gespräche sowie Farb- und Maltests in seine Behandlungsplanung,
um psychische Ungleichgewichte zu erkennen und ggfs. die kieferorthopädische
Behandlung individuell zu modifizieren.
Eine der verwendeten Testverfahren ist der
sogenannte "Lüscher-Farbtest". Der
Patient wird bei diesem Test aufgefordert, seine Lieblingsfarben
der Reihe nach zu ordnen. Die Reihenfolge der ausgewählten
Farben soll nach LÜSCHER Auskunft über die biologische
Reaktionslage, die benötigte Behandlungsart und die zu erwartende
Mitarbeit des Patienten geben. So sollen Patienten, welche rot
als erste Farbe auswählen z.B. eine tendenziell gute Compliance
aufweisen. Untersuchungen von HERRMANN et al. haben erstaunlicherweise
gezeigt, dass Patienten, die sich die Farbe "rot" für
ihre KFO-Geräte ausgesucht haben, eine signifikant bessere
Compliance aufwiesen als Patienten, welche die Farbe "blau"
gewählt hatten. Die theoretischen Grundlagen von BALTERS
gehen sehr viel tiefer, als sie in ein paar Zeilen erschöpfend
beschrieben werden könnten.
Welche Aufgaben hat nun der Bionator
als kieferorthopädisches Behandlungsgerät? Die Anforderungen
an den Bionator scheinen immens hoch, betrachtet man den ganzheitlichen
Aspekt des Behandlungskonzeptes. Dennoch kann man einige Forderungen
kurz fassen:
| Der Bionator darf keinerlei
aktive Kräfte auf Zähne oder Weichgewebe ausüben. |
| Der Bionator soll die natürliche
Entwicklung und Entfaltung der Mundhöhle fördern
und so die Selbstheilung von Fehlstellungen ermöglichen. |
| Durch die Ventralverlagerung
des Unterkiefers im Funktionsbiss (nicht: Konstruktionsbiss)
soll die Kopfhaltung korrigiert, und Spielraum für die
eingeengte Zunge geschaffen werden. |
| Der Speichelfluss soll angeregt
und die Dynamik der Atmung positiv beeinflusst werden. |
| Der Bionator soll die gesamte
Körperhaltung verbessern, und eine Normalisierung von
Mundraum, Bewegungsapparat und Psyche bewirken. |
Die Bilder oben zeigen ein Beispiel für einen Bionator. Man
erkennt vor Allem den modifizierten Labialbogen mit den zwei Buccinator-Schlaufen.
Diese sollen die Aktivität des gleichnamigen Muskels regulieren.
Ansonsten werden keinerlei Halteelemente verwendet.
Die Besonderheiten des Bionators
erkennt man auf den beiden Bildern unten:
| Gegenüber dem Aktivator
ist der Bionator skelettiert. Das gilt insbesondere für
den Frontzahnbereich. |
| Der Bionator verwendet keinen
Labialbogen im herkömmlichen Sinne; die Modifikation
mit Buccinator-Schlaufen (3) soll regulatorischen Einfluss
auf die Aktivität der Wangenmuskulatur nehmen. |
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Ein Zungenbügel soll die Haltung der Zunge verbessern.
Außerdem werden dem Bügel je nach Form stoffwechselaktivierende
(Omega-Form), stoffwechselneutrale (U-Form) oder stoffwechselsedierende
(V-Form) Wirkungen zugeschrieben.
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Neben dem oben beschriebenen Grundgerät, gibt es zwei
weitere Bionatortypen:
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| Bei Behandlungen des progenen
Formenkreises und zur energetischen und lymphatischen Entstauung
des Oberkiefers. |
| Zur Verwendung bei offenen
Bissen oder Fehlfunktionen der Lippen-, Wangen- und Zungenmuskulatur. |
Der ganzheitliche Aspekt der Bionatortherapie
mutet zunächst ein wenig eigenartig an; die Praxis zeigt
jedoch, dass man einige der von BALTERS aufgestellten Theorien
durchaus ernst nehmen muss, da die klinischen Ergebnisse für
sich sprechen. Entgegen manchen Behauptungen muss jedoch gesagt
werden, dass es sich bei dem Bionator nicht um ein "Allheilmittel"
handelt! Ein Behandlungsgerät, welches alle Fehlstellungen
optimal korrigieren kann, muss erst noch erfunden werden.
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