Wie werden herausnehmbare Apparaturen hergestellt?

Herausnehmbare Zahnspangen werden nicht vom Kieferorthopäden, sondern in einem zahntechnischen Labor hergestellt. Hier sorgen Zahntechniker dafür, daß der Patient ein exakt passendes, genau auf seine Bedürfnisse erstelltes Gerät bekommt. Eine individuelle Apparatur ist - neben der Mitarbeit des Patienten - der Schlüssel zu einer erfolgreichen Behandlung. Vielen Patienten ist gar nicht klar, welcher Aufwand hinter einer herausnehmbaren Zahnspange steckt. Wir wollen den Herstellungsweg im Folgenden ein wenig beleuchten.


1. Die Abdrucknahme

Bevor an die Herstellung einer Plattenapparatur gedacht werden kann, muß zunächst ein genaues Gipsmodell der Zähne und des Alveolarfortsatzes (=Zahnfach) hergestellt werden. Dieses Modell stellt dann später die Grundlage für die Herstellung der Geräte dar.
Für ein exaktes Gipsmodell müssen die Zähne des Patienten mit einer Abdruckmasse abgeformt werden. In der Kieferorthopädie hat sich als Abformmasse heute Alginat durchgesetzt, welches eine hinreichend genaue Abformung bei günstigen Preis und einfacher Verarbeitung gewährleistet. Diese Abformmasse wird in spezielle Löffel gefüllt, welche es in verschiedenen Größen gibt.

Beispiel für Abdrucklöffel, mit deren Hilfe Zähne und Kieferknochen des Patienten abgeformt werden

Der gefüllte Löffel wird in den Patientenmund gegeben, hierbei werden Zähne und Alveolarfortsatz in die noch weiche Abformmasse gedrückt. Binnen weniger Minuten beginnt die Härtung der Masse, bis sie schließlich einen gummiartigen Zustand einnimmt. Nun kann der Abdruck aus dem Mund entfernt werden. Wir haben jetzt ein exaktes Negativ des Kiefers in der Abdruckmasse. Der nächste Schritt ist das Auffüllen des Abdruckes mit Gips. In der Zahnmedizin wird hier in der Regel Hart- oder Superhartgips benutzt, der eine hohe Detailtreue und Härte bietet.

Das Ausgiessen des Abdruckes erfolgt auf einem sog. "Rüttler", der durch seine Vibrationen die Fliessfähigkeit des Gipses verbessert und die Entstehung von Luftblasen vermindert. Der Gips selbst wurde zuvor mit einem speziellen Vakuum-Anmischgerät zubereitet.

Fertiger Abdruck eines Oberkiefers

Der fertige Abdruck wird auf dem Rüttler mit Gips ausgegossen

Nach 30-40 Minuten ist der Gips so hart geworden, dass der Abdrucklöffel nun entfernt werden kann. Man hat nun ein Duplikat des Patientenkiefers, auf welchem der Kieferorthopäde nun Vermessungen vornehmen kann und der Zahntechniker später die herausnehmbaren Apparaturen herstellt.

Bevor das Modell zur Diagnose und Herstellung kieferorthopädischer Apparaturen verwendet wird, muß es noch mit einem normgerechten Gipssockel versehen werden. Erweiterte Informationen zum Sockeln von Gipsmodellen

Gipsmodell nach dem Entfernen der Abdruckmasse

Mit dem fertigen Gipsmodell und einer Konstruktionszeichnung vom Kieferorthopäden hat der Zahntechniker nun alle nötigen Voraussetzungen, ein individuell passendes Behandlungsgerät herzustellen. Die Konstruktionszeichnung zeigt den "Bauplan" für die Zahnklammer. Sämtliche aktiven und passiven Elemente der Platte werden hier eingezeichnet. Informationen zu den verschiedenen Elementen finden Sie hier: Bestandteile einer herausnehmbaren Apparatur

Nun müssen die auf der Konstruktionszeichnung vermerkten Halteelemente gebogen werden. Der Zahntechniker hat hierfür verschiedene Zangen, mit deren Hilfe er die Drahtelemente biegen kann:

Beispiel für eine Konstruktionszeichnung einer Zahnklammer zur Dehnung des Oberkiefers

Die Flachzange dient als universelles Instrument zum Biegen und Halten des Drahtes. Erfahrene Techniker können mit dieser Zange fast sämtliche Halteelemente biegen!

 

Flachzange

Die Hohlkehlzange eignet sich besonders für das Biegen von Rundungen. So gelingen mit ihr z.B. die beiden U-Schlaufen des Labialbogens besser als beim Biegen per "Hand und Augenmaß"

Hohlkehlzange

Die Aderer- oder Dreibackenzange ist ein Werkzeug für "eckige" Knicke. Der Draht wird zwischen den Branchen eingeklemmt und beim Zusammendrücken in der Mitte geknickt. Mit dieser Zange sind sehr exakte Knicke möglich.

Adererzange

Die Kramponzange ist ein richtiger "Allrounder". Mit ihrer Hilfe können z.B. schöne, harmonische Knicke gestaltet werden. Dadurch, daß der Knick mit dem Finger über die Branchen erfolgt, ist der Draht nach dem Biegen nicht so bruchgefährdet wie z.B. bei einer Adererzange. Desweiteren kann sie als stabile Haltezange auch kurze Drahtenden sicher fixieren.
Kramponzange

2. Das Biegen der Drahtelemente

Neben den bereits bekannten Zahngen benötigen wir speziellen Draht. Mit diesem "federharten" Draht können Elemente mit elastischen Eigenschaften gebogen werden. Der Draht - hier ein Beispiel der Firma Dentaurum - wird entweder auf Rollen oder in Stangenform geliefert.

Das Biegen der Drähte erfordert ein wenig Erfahrung und Übung. Mit der Zeit lernt der Techniker, Zangen und Draht so zu handhaben, dass er die Reaktionen des federnden Drahtes vorhersagen kann.

Die beiden Bilder zeigen das Biegen eines Drahtelementes mit einer Adererzange. Diese ist eine der wenigen Zangen, die Drähte ohne Hilfe der Hände biegt. Die meisten Techniker nutzen Zangen nur zur Fixierung des Drahtes und nehmen die eigentlichen Biegungen mit den Fingern vor. Erfahrene Zahntechniker brauchen keine 5 Minuten für die Herstellung der erforderlichen Drahtelemente, Anfänger benötigen viele Stunden...

Biegen mit der Adererzange

Das Biegen einer Dreiecksklammer

Auch bei den sogenannten "Labialbögen" werden die Rundungen des Elements nicht mit einer Zange, sondern über die Finger gebogen. Lediglich die beiden U-förmigen Schlaufen werden mit einer Hohlkehlzange gebogen (s.o.).

Die Biegungen müssen im ständigen Vergleich mit dem Gipsmodell erfolgen, nur so kann eine gute Passgenauigkeit und ein spannungsfreier Sitz der Drahtelemente gewährleistet werden.

Die Dreiecksklammer wird mit der Flach-Spitzzange gebogen. Da diese Elemente sehr häufig für kieferorthopädische Geräte gebraucht werden, gibt es sie mittlerweile vorgefertigt zu kaufen.

Sind alle Drahtelemente fertig gebogen, werden sie auf das Modell gesetzt und dort auf ihren richtigen Sitz überprüft.

Am unterscheidet zwischen aktiven und passiven Elementen. Die passiven Drahtelemente müssen spannungslos an den Zähnen anliegen. Ihre Aufgabe besteht einzig und alleine darin, die Plattenapparatur an den Zähnen zu fixieren. Sie selbst bewirken also keinerlei Zahnbewegung.

Aktive Elemente hingegen sollen später therapeutische Kräfte auf Zähne ausüben, um so ihre Stellung im Kiefer zu verändern. Auch die aktiven Elemente liegen normalerweise spannungslos auf dem Modell und werden erst später am Patienten so gebogen, daß Kräfte auf die Zähne ausgeübt werden. Man nennt diesen Vorgang dann Aktivieren der Elemente.

Nach der Überprüfung der Drahtelemente auf dem Gipsmodell kommt es nun zur eigentlichen Herstellung der Platte:

Drahtelemente auf dem UK-Modell

UK-Modell Seitenansicht

UK-Modell, Ansicht von dorsal

Für die Herstellung werden heute fast ausschliesslich Kunststoffe gebraucht, die zum Aushärten kein spezielles Wasserbad mehr benötigen - sog. Autopolymerisate.

Kunststoffe für den Gebrauch in der Kieferorthopädie bestehen in der Regel aus einer Flüssigkeit (dem Monomer) und einem Pulver (dem Polymer). Bei der Verarbeitung werden beide Komponenten zusammengegeben und ergeben so eine modellierfähige Masse, die dann später ausgehärtet werden muss.

Kunststoffkomponenten in Dosierflaschen
Das vorbereitete Gipsmodell wird nun mit einer Isolierschicht versehen. Diese trennt den Gips vom Kunststoff und verhindert Blasenbildung in der Platte während des Härtens.
Bestreichen des Modells mit einer Isolierflüssigkeit
Nun beginnt der eigentliche Streuvorgang: In dünnen Schichten wird zunächst Pulver auf das Modell gestreut und dann mit Flüssigkeit abgesättigt. Ein zu hoher Anteil an Monomer sollte vermieden werden, um ein wegfliessen des Kunststoffes zu verhindern. In mehreren Schichten wird nun eine 2-3 mm dicke Platte gestreut. Für diesen Arbeitsgang stehen ca. 10 Minuten zur Verfügung, dann beginnt die Härtung des Kunststoffes. Kommt das Modell dann nicht sofort in den Druckpolymerisator, wird der Kunststoff porig und minderwertig (ähnlich Styropor®). Die ganze Arbeit war dann umsonst.
Streuvorgang der Platte
Wenn die Platte fertig gestreut ist, wird sie in ein Druckpolymerisationsgerät gegeben, in welchem der Kunststoff härtet und eine blasenfreie Oberfläche ausbildet. Nach ca. 30 Minuten ist die Platte fertig und kann aus dem Gerät genommen werden. Mit Fräsen, Schleifpapier und Polierkörpern wird der Plattenkörper nun in seine endgültige Form gebracht. Dabei werden scharfe Kanten entfernt und eine glatte Oberfläche hergestellt.
Platte fertig zum Polymerisieren

Ist die Apparatur fertiggestellt, kann sie am Patienten eingesetzt werden. Häufig muss der Kieferorthopäde bei dieser Sitzung die eine oder andere Stelle nochmals nacharbeiten. Die Platte wird dann individuell für die notwendigen Zahnbewegungen präpariert.

Die Kunststoffe für die Kieferorthopädie sind in vielen Farben erhältlich, so dass sich jeder Patient "seine" Plattenfarbe auswählen kann. Auch verschiedene Farben - wie auf dem Bild rechts zu sehen - sind möglich.

Vom ersten Modell der Zähne bis zur fertigen Apparatur ist es also ein weiter Weg. Da die Herstellung nicht gerade billig ist, muss der Patient auf seine Plattenapparaturen gut acht geben, damit sie nicht vorzeitig aus dem Leben scheidet. Auch bei guter Handhabung durch den Patienten sind Schäden an der Apparatur manchmal nicht zu vermeiden. Auf jeden Fall muss der Kieferorthopäde so früh wie möglich kontaktiert werden, damit abgebrochene Drahtelemente repariert werden können oder ein neues Gerät angefertigt wird.

Fertige OK-Platte auf Modell

Fertige OK-Platte auf Modell

Fertige OK-Platte auf Modell

Fertige OK-Platte

 


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