Der Retainer

Retention?
Der Tag, auf den sich wohl alle Patienten freuen ist der Tag, an dem die Behandlung abgeschlossen wird.
Die einen bekommen die Brackets und Bänder entfernt und die Zähne anschließend poliert, die anderen werden niemals mehr eine Dehnschraube aktivieren müssen.

Umso größer ist meist die Enttäuschung, wenn ihnen nun gesagt wird, daß die aktive Behandlung zwar vorbei ist, sie aber trotz allem noch z.T. über mehrere Jahre kieferorthopädische Geräte tragen müssen. Diese Phase der Behandlung, in der keine Zähne mehr verschoben werden, heißt Retentionsphase. Retentio ist Lateinisch und bedeutet soviel wie "Aufhalten, Zurückhalten". In der Tat soll hier etwas aufgehalten werden:
Jede kieferorthopädische Behandlung ist ein Eingriff in das System Mundraum; Zähne werden gedreht, verschoben, die Relation der Kiefer wird zueinander verändert - Das System wird aus dem Gleichgewicht gebracht.
Stehen die Zähne am Ende der Behandlung harmonisch im Zahnbogen und passen die Kiefer perfekt aufeinander so ist es dennoch notwendig, das erreichte Ergebnis zu stabilisieren - also einen Rückfall aufzuhalten. Ansonsten wäre es möglich, daß das veränderte System versucht, wieder in seine Ausgangsstellung zu gehen. Die Folge: Nach ein paar Jahren stünden die Zähne wieder schief, zur Korrektur wäre eine erneute Behandlung notwendig.

In früheren Jahren wurde auf diese Retention zuwenig Wert gelegt. Viele (mittlerweile erwachsene) KFO- Patienten waren schon einmal früher in kieferorthopädischer Behandlung. Jedoch wurde bei Ihnen die Retentionszeit nicht eingehalten, das instabile Ergebnis neigte zum Rückfall. So müssen sie zum Teil Jahre später nochmals in Behandlung. 
Glücklicherweise ist das Problem der Retention heute weitgehend bekannt, so daß die Anzahl von Zweitbehandlungen in folgenden Jahrzehnten deutlich geringer werden dürfte.

Ziel der Retention
Das Ziel der Retention ist, das Behandlungsergebnis so lange zu stabilisieren, bis der Organismus diese neue Zahnstellung als "normal" empfindet. Dies ist Voraussetzung für eine dauerhaft erfolgreiche Behandlung.

Dauer der Retention
Wie lange ein Behandlungsergebnis retiniert werden muß, hängt von mehreren Faktoren ab. Grundsätzlich gilt aber, daß bei komplizierten Erwachsenenbehandlungen die Retentionszeit erheblich länger dauert als bei einfachen Behandlungen jugendlicher Patienten. Also grobe Faustregel kann man sagen: Retentionszeit = aktive Behandlungszeit. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß es Fehlstellungen gibt, die immer zum Rückfall neigen; solche Fälle müssen im Extremfall lebenslang (!) retiniert werden. Doch das trifft nicht auf alle Patienten zu.

Ablauf der Retention
Die Retention beginnt sofort nach Abschluss der aktiven Behandlung. Die geraden Zähne werden mit Apparaturen, die keine aktiven Kräfte mehr ausüben in ihrer Position gehalten. 

Nach Behandlung mit herausnehmbaren Geräten:
Bei Patienten, die vorher mit herausnehmbaren Geräten behandelt wurden, kann auch die letzte Zahnklammer als Retentionsgerät gebraucht werden - die Schrauben werden dann natürlich nicht mehr nachgestellt! Die Klammer wird einige Monate immer noch jede Nacht getragen. Dadurch wird die Zahnstellung beibehalten und das Ergebnis gefestigt. Nach dieser Zeit folgt die langsame "Entwöhnung" von der Klammer. Zunächst wird das Gerät noch jede zweite Nacht getragen, dann zwei Mal pro Woche nachts, dann einmal pro Woche nachts. Am Ende dieses z.T. recht lange dauernden Abgewöhnungsprozesses wird die Klammer ganz abgesetzt - die Behandlung ist nun endgültig vorbei!
Bei Rückfallgefährdeten Ergebnissen kann es notwendig sein, daß die Klammer über mehrere Jahre - oder sogar ein Leben lang in längeren Abständen (z.B. wöchentlich oder monatlich) zu tragen.

Nach Behandlung mit Multibandapparaturen:
Patienten, die eine Behandlung mit festsitzenden Geräten hinter sich haben, bekommen extra Retainer angefertigt, die sie auch sofort im Anschluss tragen müssen. Sobald die Brackets abgenommen sind, muß der Retainer getragen werden. Anfangs muß er teilweise über 2-3 Wochen 24 Stunden pro Tag im Mund bleiben, um die noch gelockerten Zähne in ihrer Position zu fixieren. Danach ist der Behandlungsablauf ähnlich wie bei den "Klammerpatienten": Tragen des Retainers über Nacht, z.T. mehrere Monate lang, danach beginnende Entwöhnung - also jede zweite Nacht , dann zwei Mal pro Woche, usw.. Man muß bei Multibandpatienten in der Regel mit einer längeren Retention rechnen als vergleichbare Patienten, die mit herausnehmbaren Apparaturen behandelt wurden. Die Retention kann Jahre in Anspruch nehmen und muß gewissenhaft erfolgen, will man einen Rückfall vermeiden.
Einen Sonderfall stellt der festsitzende Lingualretainer dar: Er wird direkt nach Entfernung der Brackets fest auf die Innenseiten der Frontzähne im Unterkiefer (- manchmal auch im Oberkiefer) geklebt und verbleibt dort z.T. über mehrere Jahre. Da die hierfür benötigten Drähte recht dünn sind und sie direkt - also ohne Brackets - auf die Zähne geklebt werden, wird der Lingualretainer in der Regel gut durch den Patienten angenommen. Er kommt häufig bei Erwachsenenbehandlungen zur Anwendung, wenn die Gefahr besteht, daß sich die unteren Frontzähne wieder verschieben könnten.

Ein Überblick über die gängigen Retainertypen sehen wir hier:

Der Retainer
Auf den ersten Blick sieht diese Apparatur wie eine gewöhnliche herausnehmbare Zahnspange aus. Auf den zweiten Blick erkennt man jedoch, daß jegliche aktiven Elemente fehlen: Keine Dehnschraube, keine Federchen. Nur ein umlaufender Drahtbogen hält die Apparatur an den Zähnen fest. Die Kunststoffplatte ist sehr dünn und behindert das Sprechen nicht; so kann das Gerät in der ersten Zeit nach Entfernung der Brackets problemlos  24 Stunden pro Tag getragen werden. Durch das Fehlen von Halteelementen wie z.B. dem Knopfanker oder der Adamsklammer wird der Zusammenbiß nicht gestört; die Zähne können sich "aufeinander Einspielen". 

Hawley-Retainer für den Oberkiefer
Der Positioner
Der Positioner besteht aus elastischem Silikon. Es wird bevorzugt nach abgeschlossener Multibandbehandlung eingesetzt. Dank der Herstellung auf einem individuellem Gipsmodell können mit dem Positioner noch kleinere Zahnstellungsänderungen durchgeführt werden. Dafür wird am Patienten ein Gipsabdruck genommen, die Gipszähne herausgetrennt und in der idealen Endposition wieder eingewachst. Der auf diesem "Set-Up" hergestellte Positioner hat dann diese Idealstellung einprogrammiert und drückt die Zähne des Patienten sanft in die endgültige Position. Dafür ist es jedoch nötig, daß der Positioner in der ersten Zeit mindestens 16 Stunden pro Tag getragen wird. Diese Vorgabe ist nicht einfach zu bewältigen, da man mit dem Positioner praktisch nicht sprechen kann. Hier ist also zum Ende der Behandlung nochmals Mühe und Ausdauer des Patienten gefragt. In einigen Fällen wird nach erfolgter Feinkorrektur mit dem Positioner noch ein "normaler" Retainer eingesetzt; dieser wird meistens besser akzeptiert.

Der Positioner ist also kein reiner Retainer; aufgrund seiner elastischen Eigenschaften kann er sogar noch kleinere Zahnkorrekturen vornehmen (sog. "Elastodontie-Gerät").

Der gnathologische Positioner

Positioner beim Patienten eingesetzt

Die Tiefziehschiene
Diese Art von Retainer wird auf einem Gipsmodell des Patienten hergestellt. Mit einem speziellen Gerät, dem Tiefzieh- oder auch Druckformgerät wird ein spezielles Kunststoffmaterial zunächst erwärmt. Durch die Erwärmung weicht er ansonsten harte Kunststoff auf und kann so über das Gipsmodell "gezogen" werden. Nach dem Erkalten ist das Material wieder hart und kann auf die richtige Form zurechtgeschnitten werden.

Tiefziehschienen können an Stelle eines Retainers verwendet werden; sie stören die Sprache praktisch nicht, außerdem sind sie durch den klaren Kunststoff fast unsichtbar. Art und Dauer der Anwendung sind mit den "normalen" Retainern vergleichbar, darüber hinaus kann man diese Schienen auch nach der Behandlung z.B. zum Fluoridieren der Zähne benutzen.

Tiefziehschiene für den Unterkiefer

Tiefziehschiene auf Oberkiefer-Modell
Der Lingualretainer
Im Gegensatz zu den bisher vorgestellten Retainern wird der Lingualretainer fest eingeklebt, kann also nicht herausgenommen werden. Er besteht aus einem flexiblen Draht, der mit Hilfe von Kunststoffkleber auf die Innenflächen der Zähne geklebt wird. In dieser Position verbleibt er oft Jahre und stabilisiert so die Zähne in der richtigen Position. Der Kleberetainer wird meistens im Frontzahnbereich des Unterkiefers eingesetzt, weil hier die größte Gefahr eines Rückfalls besteht. Er nimmt jedoch nicht viel Platz weg und engt den Zungenraum kaum ein, deshalb kann er ohne Probleme auch lange Zeit im Mund bleiben.
Gerade in der Erwachsenen-KFO wird dieser Typ von Retainer immer häufiger eingesetzt, da er auch nach komplizierten Behandlungen eine stabile Zahnstellung erhalten kann. Leider ist er nicht im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen enthalten, der Lingualretainer muss also vom Patienten selbst gezahlt werden.
Patient mit Lingualretainer im Unterkiefer

Man erkennt also, daß die KFO-Behandlung oft nicht beendet ist, wenn die Zähne schön gerade stehen. Trotzdem ist die Retention wichtig, damit man mit seinem Lächeln auch nach Jahren noch zufrieden ist. Die Retainerzeit ist auch lange nicht mehr so "arbeitsintensiv" wie die eigentliche Behandlung, die meisten Geräte müssen nach kurzer Zeit nur noch nachts getragen werden, wo sie nicht weiter stören. Ein kleiner Preis für ein langzeitstabiles, perfektes Ergebnis!

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